Opfer / Peiniger / Retter.

Diese Konstellation findet man auf jeder Ebene unseres gesellschaftlichen Lebens. Es gibt keinen erfolgreichen Film, der nicht seine Geschichte aus diesem Dramadreieck bezieht. Man hat ein Opfer, einen Retter und einen Bösewicht, der immer am Schluss nach allen Regeln der Kunst erledigt wird. Nach so einem Film fühlen wir uns immer gut, weil das Gute wieder gesiegt hat und unser vermeintlicher Gerechtigkeitssinn befriedigt wurde.

Doch in der Realität haben wir nie diese eindeutige Einteilung in Gut und Böse. Und doch haben Menschen die Tendenz, immer wieder in eine dieser Rollen zu verfallen. Menschen benutzen diese Rollen oft ganz einfach, um Beziehung zu leben, sie haben nicht gelernt, außerhalb dieser Rollen mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Aus jeder Rolle kann man Identität und Bestätigung ziehen. Hier eine kurze Definition der Rollen:

 

 

1. Das Opfer
Dies ist die vermeintlich “schwache” Position. Dem Opfer wirft man etwas vor, oder er/sie wird für etwas verantwortlich gemacht. Doch das Opfer ist nicht nur passives Opfer, sondern übernimmt diese Rolle auch, indem es sich selbst als machtlos erlebt und die anderen beiden Rollen im Drama-Dreieck als mächtig.
Sich als Opfer zu erleben, hat auch einen Nutzen. Man darf jammern ohne in der Lage sein zu müssen, seine Situation zu ändern, denn die anderen sind ja verantwortlich dafür, dass es einem schlecht geht. Doch diese ‘ohnmächtige’ Position ist auch machtvoll, gibt das Opfer doch die gesamte Verantwortung für sein Handeln und dessen Folgen an andere ab. Opfer bleiben selten allein, denn sie üben eine magische Anziehungskraft auf die zweite Rolle aus.

 

2. Der Retter
im Drama-Dreieck ist der/die vermeintlich “Gute”. Er greift helfend ein und reißt oft die gesamte Verantwortung für das ‘Problem’ des Opfers an sich. Retter reagieren auf tatsächliche Hilferufe von Opfern, meistens jedoch arbeiten sie ohne direkten Auftrag, sondern beziehen die Legitimität ihres Handelns aus der Situation (“Da muss doch jemand was tun!”) Der Retter steht über dem Opfer und erfährt dadurch Aufwertung. 


3. Der Peiniger
ist im Drama-Dreieck der/die vermeintlich “Mächtige”. Er will das Opfer beschuldigen, bestrafen oder zur Rechenschaft ziehen. Ähnlich wie der Retter glaubt der Verfolger zu wissen, was die Ursache für eine problematische Situation ist (nämlich die Unfähigkeit oder Unwilligkeit des Opfers). Doch während der Retter mehr für Verständnis und sanfte Lösungen wirbt, plädiert der Verfolger für Konsequenz und Härte.Der Verfolger bezieht seinen Wert aus der Empörung, die er gegenüber dem Opfer empfindet, er ist der Maßstab aller Dinge.

 

Dramadreieck

Die Dynamik von diesem Modell entwickelt sich dadurch, dass das Opfer gar nicht gerettet werden will, der Retter immer ein Opfer sucht, um nicht seine Identität zu verlieren, und der Peiniger immer darauf aus ist, einen Schuldigen zu finden. Es ist nie wirklich ein Problem/Konfliktlösungsansatz vorhanden, und meistens ist nicht einmal das Problem bekannt. Deswegen heißt dieses Modell Dramadreieck, weil es darum geht, immer einen gewissen Level von Drama aufrechtzuerhalten, der Identität, Sinn und Zugehörigkeit gibt. Im Dramadreick geht es ausschließlich um Emotionen und Verletzungen. Das Opfer manipuliert den Retter, der Retter manipuliert wiederum den Peiniger mit der Berechtigung, die er vom Opfer bekommt. Der Peiniger sucht für Missstände nach seiner Wahrnehmung einen Schuldigen, der zur Verantwortung gezogen werden muss.

 

Wechselnde Rollen

Die Rollen kommen nie bei einem Menschen in Reinform vor. Wer sich im Dramadreick befindet, wechselt immer wieder die Rolle.

Z.b. Eine Schwiegermutter sagt zur Schwiegertochter, dass sie den Haushalt besser führen soll (Peiniger). Daraufhin sagt der Sohn zur Schwiegermutter, dass sie sich nicht in die Ehe einmischen soll (Retter), woraufhin die Schwiegermutter entgegnet, dass sie es ja nur gut gemeint hat und jetzt gar nichts mehr sagen wird.(Opfer)

 

Dramadreick und Gemeinde

Auf dem Hintergrund unserer Jahrhunderte langen Gemeindetradition, bei der der Hirtenpastor der Mittelpunkt u. im gewissem Sinn der Retter ist, müssen wir die Position des Hirten neu überdenken. Gemeinde wird oft so gelebt, dass sich die Schafe um den Hirtenpastor versammeln. Der Hirtenpastor hat dann oft nur zwei Optionen, entweder er akzeptiert die Retterrolle und wird verheizt, oder er spult ein religiöses Programm ab, ohne sich um die Belange des Einzelnen zu kümmern.

Was heißt dann "weide meine Schafe", wie ist dieses Weiden gemeint und wie lange müssen Schafe "geweidet" werden? Dazu gibt es sicherlich keine Pauschalantworten, es ist nur wichtig, dass Dramarollen in der Gemeinde identifiziert werden, damit der Hirtendienst wirksam werden kann.

 

Ruf zur Reife (das Dramadreieck überwinden)

"... Ihr solltet schon längst selber Lehrer sein, u. bedürft immer noch der Milch", sagt Paulus im Hebräerbrief 5 Vers 12. Es gibt also einen Ruf zur Reife. Hierbei ist es unerlässlich, seine Lieblingsrolle im Dramadreieck zu erkennen. Wie verhalte ich mich in Konflikten? Suche ich immer den Schuldigen, will ich alle retten oder gehe ich in die Opferrolle?

Gefühle wie Enttäuschung, Wut, Frustration, die die Aussagen begleiten, lösen das Dramadreick aus. (Z.b.Peiniger => Opfer) Diese negativen Emotionen lösen beim Gegenüber einen Schmerz aus, der ihn zwingt, in die entgegengesetzte Rolle zu gehen. Von daher ist der Satz "ein Gedanke der schmerzt ist eine Lüge" hilfreich.

Hilfreich ist es auch, auf der Sachebene zu bleiben und zu fragen:"Was ist das Problem?" bzw. "Wer hat das Problem?"

Hinter den Rollen steckt Angst und hinter der Angst der Wunsch nach Zugehörigkeit


Ein weiteres Hilfsmittel ist, sich zu prüfen ist, ob man mit der Formulierung "ich bin ok, du bist ok" in seinen Beziehungen leben kann. Emotional verletzte Menschen haben oft eine falsche Fremd- und Selbstwahrnehmung. Hier ist es wichtig, in der Seelsorge die auslösenden Ereignisse aufzuarbeiten. 

 

Hier noch ein paar Fragen, die helfen sollen, das jeweilige Rollenverhalten zu identifizieren.

 

Anti-Retter Fragen
Habe ich eine klare Frage?
Bin ich kompetent?
Wer hat das Problem?

Was ist das Problem?


Anti-Opfer-Fragen
Fühle ich mich gleichwertig?
Weiß ich, was ich will oder brauche?
Will ich, dass sich etwas verändert?
Bin ich bereit, entsprechend der angebotenen Hilfe zu handeln?


Anti-Verfolger-Fragen
Geht es mir um die "Sache" oder suche ich einen Schuldigen?
Fühle ich mich durch mein Verhalten überlegen?
Habe ich Angst, nicht dazuzugehören?
Muss ich meine Position beweisen und den anderen überzeugen?

 

Das Dramadreieck ist ein psychologisches und soziales Modell der Transaktionsanalyse, das zuerst von Stephen Karpman beschrieben wurde.

 

Andreas Berger

April 2011